Ich bin – mal wieder – durch eine Adaption auf diesen Text gestoßen. Auf WOW (ehemals Sky?) ist die BBC Produktion von Herr der Fliegen (2026) zu sehen, in vier Folgen wird ein packender Überlebenskampf erzählt. Die Kinderschaupielenden sind dabei hervorragend; so gut, dass es bedrückend ist, ihnen zuzusehen. Bereits nach anderthalb Folgen stand für mich fest, dass ich die Buchvorlage lesen wollte, vielleicht auch um meine innere Besserwisserin zu befriedigen.

Zum Inhalt

Während des kalten Kriegs wird eine Gruppe Jungen zwischen sechs und zwölf Jahren aus England evakuiert; jedoch stürzt ihr Flugzeug auf einer unbewohnten tropischen Insel ab, das Flugpersonal überlebt nicht und die Jungen sind fortan auf sich gestellt. Im Versuch an den Gesellschaftsformen ihres Zuhauses festzuhalten arbeiten sie eine Weile zusammen, versuchen sich zu organisieren um gerettet zu werden. Bald zeigen sich allerdings Risse in ihrer Gruppe, die daraufhin zersplittert und in einen tödlichen Machtkampf ausbricht.

Individuum über Alle

Das Buch folgt lose vier tongebenden Figuren: Ralph, Piggy, Jack und Simon. Ihre Gedanken und Handlungen formen die Inselgemeinschaft, sie sind die Archetypen an denen Golding seine Gesellschaftskritik aufbaut. Um dieses Buch zu verstehen, muss man sich aber den weiter verstrickten Machtdynamiken unter den Kindern bewusst sein. Die Gruppe gestrandeter Jungs bietet bereits vor der etablierten Inselgemeinschaft eine gewisse Hierarchie: Es gibt die Chorjungen unter der Führung von Jack – und den Rest. Die anderen Jungen, zu denen Ralph und Piggy gehören, haben kein sie vereinendes Merkmal. Dann unterscheidet die Gruppe sich noch in ihrem Alter, die Jüngeren werden die meiste Zeit nur als Ballast wahrgenommen, den die Älteren gerne ignorieren. Das automatische Zuordnen von Kompetenz anhand des Alters und dementsprechend die Relevanz der Meinungsäußerungen prägt einen Großteil des Buches.

Ralph und Piggy begegnen sich als erstes, Ralph noch euphorisch darüber am Leben zu sein und keine Erwachsenen um sich zu haben, Piggy schon im Krisenmodus und auf unbeholfener Suche nach Freunden. Piggys richtigen Namen erfährt man im Buch nicht; er vertraut Ralph seinen verhassten Spitznamen aus der Schule an, welchen dieser fast sofort an die Gruppe weitergibt. Piggy hat nie die Chance sich unter seinem selbst gewählten Namen zu etablieren.

Dies ist ein erster Vorgeschmack auf Ralphs Versagen: Er will zu sehr gefallen, ist in seinen Entscheidungen nicht so erwachsen oder weitblickend wie es die Situation erfordernd würde. Er kam mir oftmals wie der Klassenclown vor, jemand der die Stimmung hebt, aber nicht wirklich eine tragende Rolle gewohnt ist. Er scheitert öfter daran seine eigenen Leitlinien einzuhalten, die Prioritäten richtig zu setzen und fokussiert zu bleiben. Er kann die Gruppe nicht zusammenhalten, weil ihm Kompetenz und Durchsetzungsvermögen fehlt. Dennoch ist Ralph der offensichtliche Fokus des Buches, er ist die Hauptfigur, ihm wird am meisten Erzählzeit eingeräumt. Vielleicht weil Ralph jemand ist, in dem man sich leicht wiederfinden kann, kein unbeschriebenes Blatt, aber vage genug, dass sich jede*r Leser*in problemlos in ihn hineinversetzen kann. Ralph ist so stereotyp „kindisch“, weil er nie etwas anderes sein musste bis zum Flugzeugabsturz.

Von all den Jungs fühlt er sich hier am wohlsten, doch heute stieß er sich an der sinnlosen, albernen Erwähnung einer Rettung, und selbst die grünen Tiefen des Wasser und die Splitter der goldenen Sonne boten ihm keinen Trost.
– Seite 98

Piggy hingegen vereint Intelligenz, aber auch Nervigkeit in sich. Er hat Asthma, braucht eine Brille, ist ein konstanter Besserwisser, jemand wie der Lehrerliebling. Piggy eckt schnell an mit seiner beinahe pedantischen Art, die so im Kontrast zum Spieltrieb der restlichen Kinder steht. Dabei erfasst er den Ernst der Situation jedoch am schnellsten, entwickelt beinahe sofort die Grundpfeiler ihrer Überlebensstrategien: Unterschlupf bauen, Signalfeuer für die Rettung, Durchzählen der Gruppe, Einteilen in Aufgabenbereiche, Hygieneregeln. Niemand will ihn jedoch ernst nehmen, nicht bis Ralph seine Worte wiederholt. Ralph, der mit seinem blonden Haar und lockeren Art schnell als eine Art Anführer gesehen wird, obwohl er keine weiteren Qualifikationen mitbringt außer Symapthisch zu wirken. Piggy und Ralph werden bald zu einem Duo, der eine Ideengeber und ängstliche Stimme der Vernunft, der andere das manchmal inkonsequente Sprachrohr und gewählter Anführer.

[…] die lautstarken Forderungen wechselten von dem allgemeinen Wunsch nach einem Anführer dazu über, Ralph direkt auszurufen. Keiner der Jungs hätte einen guten Grund dafür nennen können. Piggy hatte am meisten Intelligenz bewiesen, Jack war der offenkundigste Anführer. Aber an Ralph, der dasaß, war eine Ruhe, die ihn von den anderen abhob: seine Größe, sein gutes Aussehen, vor allem aber hatte er das Muschelhorn, auch wenn das niemandem direkt ins Auge fiel.
– Seite 31f.

Davon fühlt sich Jack in die Ecke getrieben, der Vorsänger der Chorjungen, der bereits den Platz an der Spitze der Hierarchie innehat und sich nur schwer unterordnen kann. Jack besitzt auch eine andere Vorstellung von Führerschaft, Jagen und gemeinsames Tanzen als Mittel um über Angst und Sorgen hinwegzutäuschen, Gruppenbindene Aufgaben, aber dennoch klare Hierarchie. Im Buch wird Jack schnell als eine Art böser Anführer ausgemacht, jemand der gegen Ralphs Vorstellung des Anführers arbeitet, wobei ich nicht alles was Jack macht verteufeln möchte. Ich denke es ist schlau von ihm die Grundstimmung zu priorisieren, das Berufen auf bekannte Rituale wie Singen und Tanzen um gegen die Angst und Verzweiflung vorzugehen. Seine Gewichtung des Jagens ist auch nicht gerade dumm, es zwingt die Jungs zusammenzuarbeiten, es etabliert eine Teamdynamik die Ralph und Piggy nicht erschaffen konnten. Entscheidend ist dabei jedoch die Intension hinter Jacks Führungsstil, der sich eher auf ‚Vertrautes wiederholen‘ fokussiert, anstatt die Teambuilding-Qualitäten dahinter zu sehen. Dass Jacks Gruppe schnell in Gewalt abrutscht würde ich nur bedingt seinem direkten Führungsstil zu ordnen, es ist klar zu sehen, dass die Jungs Angst haben, sobald das Monster aus dem Berg auftaucht, sie entsprechend angsterfüllt handeln. Jack hat seine Untertanen nicht so gut unter Kontrolle wie er gerne hätte, gerade Rogers Hang zur Grausamkeit ist dabei der Funke im Feuer der Brutalität, dass Jack eher aushält als billigt, aus Sorge seine Führungsposition einzubüßen, wenn er sich gegen Roger stellt. Dennoch zeigt sich auch hier das offensichtliche Scheitern in Jacks Gruppe: Emotionale Anteilnahme. Individuelle Empathie.

Die beiden Jungen starrten sich an. Auf der einen Seite war die tolle Welt des Jagens voller Taktik, wilder Aufregung und Geschick; auf der anderen die Welt der Sehnsucht und ratlosen Vernunft.
– Seite 107

Die Gruppe zersplittert schneller, als Jack Ralphs Anspruch als Anführer zurückweist. Ralph kann sich dem ohne Piggys soufflieren nicht entgegenstellen, will aus sich heraus dem Anspruch genügen und fällt in ähnliche Verhaltensmuster wie Jack, wodurch sie nur noch mehr aneinander geraten. Sie schwingen sich an den jeweiligen Symbolen ihrer Lager auf; Ralphs Bestehen auf das Symbol der Muschel, den vorherigen Konsens der Gruppe; Jacks Bestehen auf die Jagd, den Spaß, das Leben in Überleben sozusagen. Gleichzeitig kommt dazu, dass die zwei Jungen das Zentrum des Konflikts sind, die anderen um sie herum nehmen sich Beispiel an ihrem Verhalten, wodurch weder Jack noch Ralph einknicken wollen und ihr Gesicht verlieren. Es ist eine absehbare Tragödie, was sich auf der Insel abspielt, gespeist aus Erwartungshaltungen und sozialem Druck.

ein verlorener moralischer Kompass

Simon passt weder in Ralphs noch in Jacks Gesellschaftskonstrukt. Eigentlich einer der Chorjungen ist Simon dennoch etwas außen vor, weil er schnell ohnmächtig wird und durch seine Sensibilität oftmals als ‚komisch‘ wahrgenommen wird. Dabei spürt Simon wie kein anderer, dass die Stimmung auf der Insel kippt, dass die angespannten Gemüter in unterschiedliche Extreme ausschlagen werden. Ihm wird nicht viel Zeit im Text zuteil, doch was man von Simon liest ist einprägsam. Er halluziniert ein Gespräch mit dem Herr der Fliegen, dem Schweinskopf, der aufgespießt von den Jägern als Tribut an die Insel und noch namenlosen Ungeheuer gehen soll. In seinem halluzinierten Dialog spricht Simon seine eigenen Ängste bezüglich der Entwicklungen auf der Insel an, fast schon prophetisch wird Simons Schicksal vom Herr der Fliegen ausgesprochen, sodass man denken könnte, Simon wusste wie sein Ende auf der Insel aussehen würde.

Simon seufzte. Andere konnten offenkundig aufstehen und vor einer Versammlung sprechen, ohne die furchtbare Last der eigenen Person zu spüren, konnten sprechen, als würden sie sich nur an eine einzige Person richten.
– Seite 158

Sobald eine Figur als belastend wahrgenommen wird, wird sie von den Hauptakteuren ignoriert, Verantwortung für die weniger fähigen übernehmen können die älteren Jungen nicht. Die Schwächsten werden zurückgelassen. Damit versagt die Gruppe in einem der wichtigsten Prinzipien des Überlebens: Die Gruppe ist nur so stark wie ihr schwächstes Mitglied. Besonders tragisch wird dies durch den ersten Tod unter den Jungen symbolisiert: Einer von den Kleinen, der im Chaos eines Waldbrandes verloren geht, schlussendlich sogar vergessen wird. Die fehlende Verantwortungsbereitschaft und Empathie fällt ihnen oft genug auf die Füße und ist meiner Meinung nach der ausschlaggebende Punkt für das Versagen ihrer Gemeinschaft.

Nahaufnahme von der ersten Seite der Fischer Taschenbibliotheksausgabe zu Herr der Fliegen von William Golding.

Im Prinzip agieren Jack und Ralph als Spiegel zueinander, mit Piggy und Roger als einflussgebende Sidekicks, die Situationen eskalieren lassen. Ich habe mich beim Lesen öfter mal gefragt, was passiert wäre, wenn Ralph und Jack ordentlich zusammengearbeitet hätten, denn es ist im Text immer mal wieder zu sehen, dass sie sich ähnlich sind und außerhalb der Umstände wahrscheinlich gute Freunde sein könnten. Aber gefangen in ihrem Verständnis von Anführerschaft, die nicht zweigeteilt sein kann, haben sie sich zu Gegenspielern aufgeschwungen.

Hätten Jack, Simon, Ralph und Piggy sich wirklich gemeinsam als Vorstand der Jungs zusammengesetzt, hätte sie alle einen wesentlichen Bestanteil für eine funktionierende, gesunde Gesellschaft beigesteuert. Jacks disziplinierte Macher-Art, Ralphs Fähigkeit die Stimmung zu Lockern und natürlicher Charme, Piggys Intelligenz und guter Krisenmodus und Simon als der moralische Kompass, der die feinen Schwankungen in der Gruppe spüren und benennen könnte. Sie hätten sich gegenseitig so gut ergänzt, hätten sich stützen können, wo sie selbst versagt haben und doch waren Stolz und Kompromisslosigkeit ihnen im Weg. Wären sie gleichermaßen ernst genommen worden, hätten gleichermaßen aufeinander gehört und für einander eingestanden, so wäre vielleicht etwas Gutes aus ihrer Not entstanden. Sie hatten alle Puzzleteile, aber anhand ihrer Erziehung, ihrer Angst (und der Unfähigkeit ordentlich damit umzugehen) und der vorgelebten Gesellschaft der Erwachsenen, haben sie gegeneinander gekämpft anstatt füreinander.

Überlebensspaß?

Das hier ist unsere Insel. Eine gute Insel. Wir werden hier Spaß haben, bis die Erwachsenen uns holen kommen.
– Seite 51

Nach modernen Kriterien ist dieses Buch ein bisschen anstrengend. Viele Klassiker vereint das, der Sprachduktus vergangener Zeiten ist zuweilen irritierend, ebenfalls wie Figuren beschrieben werden. Ich fand es zu Beginn sehr merkwürdig das Hauptfigur Ralph immer einen Handstand machte, wenn er Spaß hatte oder die Stimmung auflockern wollte. Auch war es anstrengend, den kurzen Sätzen im Dialog der Jungen zu folgen, sie reden oft im Kreis oder aneinander vorbei; hinzu kommen ausschweifende Beschreibungen der Insel, die manchmal den Fokus der Erzählung verschoben haben. Dennoch entstand eine gute Balance zwischen Handlung und Erzählen, ist die Umgebung auf der Insel doch genauso wichtig für den Verlauf wie die Verhaltensweisen der Jungen.

Ich finde es gewissermaßen befremdlich wie schnell man beim Lesen und Analysieren vergisst, dass die Figuren alle Kinder sind. Golding schreibt sie sehr gut als Kinder, dennoch rutscht man leicht in eine Pathologisierung ab, wenn man versucht herauszufinden warum die Gruppe in Gewalt umschlägt. In all meinen kritischen Gedanken bin ich immer wieder darüber gestolpert, dass das Kinder sind, traumatisierte Kinder, die den kalten Krieg durchleben, die einen Flugzeugabsturz überlebt haben und plötzlich auf sich allein gestellt sind. Natürlich werden sie nicht perfekt handeln, natürlich werden sie überfordert sein und einem Ideal von Erwachsen-Sein nacheifern, dass sie nicht ganz begriffen haben. Zudem wissen wir heute, wie die Rollenvorstellungen zu dieser Zeit aussahen, welche Werte weitergeben wurden, welche gelobt, welche vernachlässigt wurden. Die Jungen wachsen bereits in einer Gesellschaft auf, die passiv-aggressiv Krieg führt.

Fazit

Das Buch verleitet einen sehr schnell dazu die Kinder zu entmenschlichen, weil so viele entmenschlichende Dinge passieren. Unsere Definition von Menschlichkeit und Zivilisation wird hier sehr oft in Frage gestellt, es ist leicht alles zu verdammen, was vom Konsens unseres Verständnis von Zivilisation abweicht (besonders westliche, weiße, eurozentrische Zivilisation). Dennoch ist es auch eine interessante literarische Auseinandersetzung mit Zivilisation: Was bleibt übrig wenn die Rüschen und Bügelfalten verschwinden? Wie viel Macht räumen wir dem Auftreten allein ein? Woran messen wir Kompetenz? Was macht unsere Zivilisiertheit aus im Angesicht von Dreck und geringen Ressourcen?
Golding selbst spricht die Gegensätzlichkeiten der Situation im Text an, seine Präsentation des Unglücks legt eine offensichtliche Interpretation dar. Dennoch lohnt es sich mit einer modernen Brille an den Text zu gehen, der immer noch eine gewisse Relevanz in sich trägt.

Wir brauchen Regeln, und wir müssen sie einhalten. Wir sind doch keine Wilden. Wir sind Engländer, und Engländer sind in allem die Besten.
– Seite 64

HERR DER FLIEGEN

Autor: William Golding • Übersetzt von: Peter Torberg • Format: Taschenbuch, eBook, Taschenbibliothek • Preis: 14,00€ (TB), 9,99€ (ePub), 16,00€ (Taschenbibliothek) Erscheinungstermin: erstmals 1954, zitierte Ausgabe 27. Juli 2017 • Link zur Verlagsseite

*Selbstgekauft

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