Ich habe ein weiteres herbstliches Buch von der Zu-Lesen-Liste gestrichen und stehe diesem hier noch recht zwiespältig gegenüber. Anna Weydt hat sich große Mühe mit ihrem Debüt gegeben, dazu gehört auch eine Blogtour, eine Bloggeraktion, ein Test auf ihrer Website, wo man seinen magischen Begleiter herausfinden kann und Charakterinterviews. Das ist mehr Aufwand, als viele große Verlage und Autoren für ihre Bücher machen und dafür finde ich, sollte es Applaus geben. Ich war selber Teil ihrer Bloggeraktion und habe das Buch schon vor Erscheinungstermin zugesendet bekommen, zusammen mit einem mysteriösen Brief (MIT WACHSSIEGEL!) der ein tolles Lesezeichen und eine Kette enthielt.

Darum gehts

Als Charlie im Altersheim ihres Großvaters einen merkwürdigen Schatten sieht, denkt sie sich nichts weiter dabei, immerhin hat sie dringendere Probleme, als Schatten ohne dazugehörigen Körper. Als allerdings ihre Konsultation bei ihrem Professor mit den Eintreten einer Tür und einem Wesen, das direkt aus einer Gruselgeschichte kommen könnte, endet, kann sie sich der magischen Welt, die sich hinter der menschlichen verbirgt nicht länger entziehen.

Meine Meinung

Ohne um den heißen Brei herum zu reden: Ich hatte mit dem Buch einige Schwierigkeiten. Meiner Meinung nach hat es nicht nur unnötig viele Stereotypen bedient, sondern sich auch gezogen und einer meiner meist benutzten Kriterien: Details!

Ich sehe in dem Urban Fantasy Roman einiges Potential, weswegen es für mich kein totaler Flopp war. Der Schreibstil ist gut, nur manchmal fühlte sich ein Wort oder Phrase fehl platziert an, ansonsten war er flüssig und die Protagonistin herrlich präsent. Oft habe ich schon gemeckert, dass über Handlungen nicht reflektiert wurde, das war hier nicht der Fall. Charlie reagiert auf ihre Umgebung sehr stark, hinterfragt vieles, nur leider nicht laut. Als Protagonistin war sie mir manchmal zu passiv, hat zu viel mit sich machen lassen (Wie eine Entführung, die man nur als „Abkommen“ tarnte oder das ständige Herumtragen seitens der männlichen Figuren.), zu selten für ihre Rechte und Sicherheit gekämpft. Dennoch war sie nicht dramatisch, hat sich auf das Wohl anderer besonnen und abgewartet, ehe sie gehandelt hat.

Der kleine Kreis an Figuren im weiteren Buch war für den Leser zwar übersichtlich, aber da es hauptsächlich um ein Zweiergespann ging, war es auf Dauer doch einseitig. Besonders da Teil 2 dieses Gespanns der typische boording YA Hero Erik war. Wortkrag, sportlich, undurchschaubar und wahnsinnig attraktiv machte er Charlie das Leben schwer, wie es schon tausend andere männliche Protagonisten in der Jugendliteratur der letzten 5 bis 10 Jahre getan haben. Dass sich die Romanze mehr wie Insta-Love angefühlt hat und eigentlich nur aus körperlicher Anziehung bestanden bestärkte nicht gerade seine Rolle.

Die anderen Figuren waren nur bruchstückhaft präsent und blieben dementsprechend flach, obwohl man sie liebhaben konnte. Ein besonders gelungener Charakter war Charlies Dozent Herr Fries, der durch seine schlauen Fragen und Recherchefähigkeiten im Buch wichtig wurde. (Und als Druckmittel gegen Charlie.)

Gemocht habe ich allerdings die Schauplätze. Anna Weydt ist es gelungen ein paar besondere, ganz nach meinem Geschmack heimelige und wundersame Orte zu erschaffen, die ich gerne einmal persönlich erkundet hätte.Das Setting in Hamburg fand ich angenehm, die unmittelbare Umgebung wurde gut in die Handlung einbezogen.

Was ich am Buch noch Ausbaufähig fand war die Mythologie. Es wurde nicht explizit erklärt, wie die Wesen der verschiedenen Kulturen und Glaubensrichtungen zusammen existieren konnten, was sie vor den Augen der Menschen schützt, wie ihre Magie funktioniert. Auch Charlies Fähigkeiten wurden mir nicht ausreichend genug erläutert, sie funktionierten wie ein Instinkt, was für die Protagonistin in einigen Fällen sehr hilfreich, für den Leser aber nur frustrierend war. Ihre Rolle hingegen wurde sehr deutlich gemacht und den größten Teil der Zeit wurde sie nur drauf reduziert und mehr wie ein Gegenstand, den man haben wollte, behandelt. Der verletzende Spitzname „Capsula“ hat dem ganzen nicht geholfen.

Kleinigkeiten wie der Wechsel von Pronomen in einem Absatz störten den Lesefluss manchmal. Gedanken die ein normaler Student hat, wenn er einige Tage ungeplant abwesend sein wird, wie „Was mache ich mit meinen Lebensmitteln?“, „Fällt es in der Uni auf, wenn ich nicht komme?“ haben völlig gefehlt. Die abwesende und uninteressierte Mutter haben Charlies Verschwinden natürlich super unterstrichen und keinerlei Probleme nach sich gezogen. Manchmal fehlten auch ganze Erklärungen zu Situationen, man war sich zum Beispiel einig, das man wen suchen und befreien musste, aber wer entführt hat und wohin, wurde nicht erwähnt. Da hatte man beim ersten Befreieungsversuch dann wohl Glück. Auch wurden Abläufe wie Kämpfe nicht gut genug beschrieben, denn es wurde zwar gekämpft, aber wie und womit wurde nicht erwähnt. Auch beschriebene Verletzungen, die gravierend klangen (Splitter in der Schulter, Metallrohre im Rücken) wurden später nicht erwähnt sondern mit „es geht schon“ abgewimmelt. Oder das man mythische Wesen eins zu eins bei Google finden kann, hat mich auch geärgert. Klar kann man mal googeln, wenn man nicht weiter weiß, aber dass das dann auch noch mit der Realität überein stimmt …

Die Handlung war sonst sehr solide, in der Mitte gab es einige Längen und meiner Meinung nach hätte man dort etwas kürzen können, um die Spannung zu erhalten. Es gab auch bis kurz vor dem Schluss keine nennenswerte Entwicklung bei den Figuren, sodass der lange Mittelteil kaum gerechtfertigt ist. Dennoch fand ich das Finale gut, es gab ein paar Überraschungen, bei denen die Autorin viel Mut bewiesen hat. Das Ende hingeben wurde meiner Meinung nach zu schnell und einfach abgefertigt, Fragen blieben offen und ich würde gerne das Gesicht von Charlie sehen, wenn sie ihre WG nach allem nochmal betritt.

An sich ist Das steinerne Schloss ein Jugendbuch, wie viele andere auch, es sticht durch wenig aus der Masse heraus. Dennoch wurde mit diesem Schema in den letzten Jahren viel Erfolg erzielt, junge Leser könnten mit diesem Buch viel Spaß haben. Für mich war es leider weniger etwas, es gab zu viele Löcher in der Handlung, als das ich ungestört lesen konnte.


Verlag: books2read • Seiten: 323 • Format: eBook • Preis: 5,99€ • Erscheinungstermin: 15. September 2018 • Neugierig? Amazon.de

Vielen Dank an den Verlag und die Autorin für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars.

2 thoughts on “Das steinerne Schloss von Anna Weydt”

  1. Spannend, die Review bei dir zu lesen! Ich hatte ähnliche Kritikpunkte, fand aber, dass die Klischees doch zu großen Teilen wieder gebrochen werden. Aber vielleicht hat mich auch die sehr ähnlich zu Supernatural gestaltete Ästhetik besser abgeholt und mitgenommen, sodass ich mehr verziehen habe.

    1. Hallo!
      Die Ähnlichkeit zu Supernatural ist mir auch aufgefallen und eigentlich wollte ich das auch in der Rezension erwähnen, habe es aber leider vergessen, weil ich so oft umformuliert habe. Dennoch finde ich hätte man dem Leser mehr Anhaltspunkte zur Magie geben können, es kam mir einfach vor, als hätte die Autorin sich auf bekannte Systeme berufen. Dennoch wurde dazu nichts gesagt, es gab einfach keine Bestätigung zu irgendwelchen Vermutungen. Ich finde, dass man sowas manchmalschwarz auf weiß braucht.

      Danke dennoch für deinen Kommentar, ich werde mir auf jeden Fall noch ein paar Rezensionen dazu durchlesen.

      Alles Liebe,
      Friederike.

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