Dieses kleine Büchlein hat mich vom Carlsen-Verlag erreicht und ich freue mich immer noch, dass ich lesen durfte. Es war etwas komplett anderes und ich habe überhaupt nicht mit der Handlung gerechnet.

Ben will Annika eigentlich nur mal in einem ruhigen Moment erwischen, um mit ihr zu reden. Aber Annika steckt so in ihrer Hausarbeit fest, dass sie ihm nie richtig zuhört. Also schnappt Ben sich eines Abends seine angetrunkene Schwester, steckt sie in ein Auto und fährt mit ihr zum alten Haus ihres verstorbenen Opas. 

Das Allererste, das an diesem Buch auffällt, ist der Stil. Es sind wahnsinnig kurze, abgehackte Sätze, manchmal nicht einmal grammatisch richtig. Ich bin mir nicht sicher, ob die Autorin damit einen Eindruck vom mentalen Zustande der Figuren vermitteln wollte oder einfach dachte, dass Jugendlich heute so denken, bzw. schreiben. Es dauerte etwas, ehe ich mich daran gewöhnt hatte, und auch, wenn der Stil sehr poetisch wirkt und jedes Wort im Kopf nachklingt, zieht sich das Buch deswegen sehr.

Ich steige aus, taste mich ab, keine Tasche, nichts in der Hose, in der Jacke ein Labello, ein, zwei alte Tampons. – S.13

Das Buch behandelt im wesentlichen die Ängste und Sorgen von jungen Erwachsenen den Anforderungen unserer Gesellschaft nicht gerecht werden zu können. Annika ist vom ihrem Studium gefangen, geht sehr lustlos an alles heran und trinkt, um ihre Probleme ab und zu zu vergessen. Ben hat die Schule abgebrochen, es aber noch keinem erzählt. Für ihn steht fest, dass die letzten paar Wochen bis zum Abitur nicht mehr wichtig sind, dass er nichts mehr lernen will. Aber jetzt hängt er in der Luft, denn er hat keinen wirklichen Plan oder eine Alternative. Das Haus seines Opas, dass er und Annika teilweise bewohnen, ist zudem mit Erinnerungen gefüllt, die jetzt nicht mehr wahr sind und beide müssen diese Art von Verlust ebenfalls verarbeiten. Insgesamt ist dieses Buch ein ziemliches Gefühls-Kuddelmuddel und ich war beim Lesen sehr deprimiert.

So kurz dieses Buch auch war, es hat eine starke Botschaft und vermittelt diese beklemmend und sehr real. Und auch, wenn ich Annikas und Bens Entscheidungen nicht gutheiße, liegt meiner Meinung nach das Problem in unserer Gesellschaft. Der Druck der auf diesen junge Leuten lastet, könnte durch helfende Hände und offene Ohren gelindert werden; wenn man keinen Grund mehr sieht weiter zu machen, sollte man nicht von aller Welt dafür bestraft werden, sondern über Alternativen nachdenken und Unterstützunge bekommen.

Viele von Bens und Annikas Entscheidungen werden durch den Einfluss der Eltern genährt und dieser ist alles andere als gut. Die Eltern haben nämlich einen klaren Liebling – Annika – und in ihren Augen ist sie wahnsinnig vernünftig und unfehlbar und alles ist automatisch Bens Schuld. In einer Szene vergleicht Annika sich mit Ben und nennt sich „die gute Tochter“ und sagt, dass Ben schon immer ein Problemkind war. Spätestens nach dieser Aussage war mir Annika absolut unsympathisch und das hat sich bis zum Ende ds Buches nicht mehr geändert.

Erst nachdem die Geschwister einen gemeinsamen Feind gefunden haben, können sie miteinander reden und die Karten auf den Tisch legen und dann endet das Buch auch schon. Ich habe mit dem Ende einige Probleme. Zum einen ist es wahnsinnig unbefriedigend, denn ich wüsste sehr gerne, wie Ben sein Leben jetzt lebt. Zum anderen suggeriert das Ende auch, dass ein Schulabruch gut sein kann, denn es wird keinerlei Wertung dazu abgegeben. Ich denke, dass das in den Köpfen vieler junger Leute verheerenden Schaden anrichten könnte. Erst recht aus den Gründen, die Ben angibt.

Ich bin sehr gespaltener Meinung. Ich kann vieles nachvollziehen und fühlte mich auch angesprochen, jedoch ist die Handhabung der Probleme aus meiner Sicht falsch. Und irgendwie las es sich nur wie ein weiteres Buch, dass ein Erwachsener geschrieben hat, der denkt, dass er wüsste, was im Kopf eines jungen Erwachsenen vorgeht.

Letztendlich muss wohl jeder Leser für sich entscheiden, wie er zu dem Buch steht, aber ein wichtiges Thema und interessantes Leseerlebnis ist es trotzdem.


Autor: Tamara Bach • Titel: Mausmeer • Verlag: Carlsen • Seiten: 142 • Format: Gebunden mit Schutzumschlag, eBook • Preis: 12,99€ (GB), 8,99€ (ePub) • Erscheinungstermin: 28. Februar 2018  • Neugierig?

Vielen Dank an den Carlsen-Verlag für dieses Rezensionsexemplar. 

 

3 thoughts on “[Rezension] Mausmeer”

  1. Hallo Friederike,
    eine super Rezension hast du geschrieben. Ich finde es Klasse, wie stark du dich mit dem Text auseinandergesetzt hast. Macht richtig Spaß, das zu verfolgen. Ich habe das Buch auch bei mir auf dem Nachttisch liegen, habe es aber erstmal abgebrochen. Irgendwie komme ich mit dem merkwürdigen Schreibstil der Autorin gar nicht klar.
    LG
    Yvonne
    #litnetzwerk

    1. Hallo Yvonne,

      freut mich dass du Spaß hattest, ich hatte an dem Buch selber nicht so viel Spaß. Du hast Recht, der Scheibstil ist wirklich schwierig, irgendwie macht er ein bisschen taub oder fühlt sich an, als wenn jemand mit einem Zahnarztbohrer in deinem Kopf rumfuhrwerkt. Zumindest habe ich mich teilweise so gefühlt.
      Nachdem das Buch so viele Themen nur angesprochen und nie angeschlossen hat, konnte ich gar nicht anders, als mir Gedanken dazu zu machen. Ich hoffe, dass auch andere Leser das so sehen können/wollen.
      Ich hoffe, du hast am #litnetzwerk-Wochenende ebensoviel Spaß gehabt wie ich und tolle neue Blogs gefunden.
      Alles Liebe, Frizzi.

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