Manchmal muss man Bücher lesen, um zu wissen, warum man diese sonst eigentlich nicht liest. Zumindest muss ich mich immer wieder daran erinnern, warum ich dieses Genre nicht weiterverfolge und Cold Princess ist ein gutes Beispiel dafür.

Saphira hat mit ihrer Verantwortung als capo genug zu tun, da passt ihr die gefährliche Anziehungskraft zu einem ihrer Leibwächter gar nicht in den Kram. Madox ist schweigsam und vor allem für seine Brutalität bekannt und spricht Saphira auf eine dunkle Art und Weise an, die sie nicht kennt. Als ein Anschlag sie allerdings zwingt ihn näher an sich heran zu lassen, als sie möchte, kann sie ihren Gefühlen nicht länger aus dem Weg gehen. 

Cold Princess beschäftigt sich mit einer italienischen Mafia-Fehde. Saphira DeAngelis führt nach einem tragischen Unfall die famiglia der DeAngelis an, einer Mafiafamilie in Palermo. Ihre Gegenspieler sind die Vargas, die sich vor allem durch unnötige Gewalt und Skrupellosigkeit auszeichnen. Nebenbei lässt die Autorin die italienische Begriffe für die Mafia-Rollen einließen, was es für mich (als nicht-italienisch-Sprecherin) sehr authentisch hat wirken lassen.

Saphira ist kein Unschuldslamm, das kann sie gar nicht sein, als Frau in einer Machtposition, die sonst von Männern dominiert wird. Dieser Aspekt hat mir bis zu einem gewissen Punkt sehr gut gefallen. Saphira verkörpert eine ausgesprochen starke, zielgerichtete und ehrgeizige weibliche Protagonistin, die mit den Rollen der Geschlechter in der Mafia-Welt bricht. Dass die Autorin so mit den Geschlechterrollen spielt und versucht aufzulösen, finde ich lobenswert, allerdings hätte sie ihre Bemühungen auch auf die anderen weiblichen Figuren ausweiten können. Neben Saphira trifft man noch die besorgte, schwangere und zu-Hause-sitzende Frau an und die Mafia-Tussie Rabia, die das Klischee von Blond und Oberflächlich perfekt erfüllt und sich besonders durch ihre schicken Kleider und Absatzschuhe auszeichnet. Besonders ironisch ist dieser Punkt, weil in der Lebensgeschichte Rabias davon geredet wird, dass man sie aus Amerika und der dortigen Mafiaszene weggebracht hat, weil ihre einzige Karrieremöglichkeit dort eine Heirat war. Im Verlauf des Buches arbeitet sie auf eine Heirat hin und scheint sonst keine nennenswerte Position zu bekleiden.

Der Schreibstil ist recht schlicht, funktioniert aber in diesem Roman sehr gut. Erzählt wird aus der dritten Person, so hatte die Autorin die Möglichkeit verschiedene Figuren von beiden Seiten zu Wort kommen zu lassen und konnte ein angenehmes Netz aus Intrigen spinnen.

Neben dem immer währenden Machtkampf der Familien gibt es auch eine Liebesgeschichte. Obwohl der Begriff „Liebe“ hier wohl etwas unangebracht ist und der eigentliche Grund, warum mir das Buch im Vorfeld Bauchschmerzen bereitet hat. Denn zuallererst begrüßt die Autorin den Leser in einem Vorwort, wo sie vor Gewalt und Brutalität beim Sex und anderen Dingen warnt, sowie vor „einvernehmlichen nicht-einvernehmlichen“ Sex. Das war meine erste – und letzte – Berührung mit der Kategorie Dark Romance. Ich wollte und will kein Buch über eine Vergewaltigung lesen.

Allerdings wollte ich schon wissen, wie genau sich diese Ankündigung dann entfaltet, denn Romane wie „50 Shades of Grey“ haben die breite Masse ja auch begeistern können. Ich habe mich gefragt, wie ein so bekannter Verlag mit einer solchen Prämisse umgeht und ob das deutsche Publikum dieses Buch annimmt. Kann man so etwas lesen, akzeptieren, wenn es sich mit den eigenen Vorstellungen und Grundsätzen so sehr schneidet? Wie ist die Rolle der Frau in einer solchen Situation dargestellt?

Bevor ich allerdings meine Gedanken zur Liebesgeschichte erläutere, möchte ich noch ein paar allgemeinere Dinge zum Buch sagen.

Ich bin großer Fan von amerikanischen Krimiserien und war daher mit dem Prinzip von Mafia und Blutrachen vertraut, weswegen diese Art von Gewalt und Kampf für mich nichts Neues war und mich nicht schocken konnte. Der Krieg zwischen den Familien wurde noch nicht so stark betont, es war eher ein gegenseitiges Pieken, Provozieren, wann hat die andere Familie genug und setzt zu einem großen Anschlag an?

Ein riesiges Problem für mich war allerdings die fehlende Bindung zu den beiden Hauptfiguren, Saphira und Madox. Mir fehlte ein persönlicher Bezug, da weder Madox noch Saphira irgendwelche Hobbys oder Beschäftigungen neben der Mafia und ihrem Sex haben. Natürlich verstehe ich, das es schwer ist, als Mitglied einer sich im Krieg befindenden Mafiafamilie, ein Hobby zu pflegen, aber irgendwo muss auch ein Mafioso mal abschalten können. Ob das nun ein bisschen kochen, lesen oder nur spazieren gehen ist. Mir hat ein bisschen Materie gefehlt, die Figuren schienen nur aus Trauer, Schuldgefühlen und Mafia zu bestehen. Sie kamen mir recht flach vor, durchscheinend, alles über die Figur wurde sofort klar und das war nicht viel. Mein Ansporn weiterzulesen war deswegen sehr gering.

Nun zum spannenden Punkt des Buches: Gewalt beim Sex. Hier muss jeder Leser selbst entscheiden, was für ihn zu viel ist, ich hatte nach einigen Startschwierigkeiten (Gedanken in die Richtung: Will ich das wirklich lesen? Das ist anders als ich mir das vorgestellt habe.) keine Bedenken mehr. Denn obwohl Saphira bei der Sache nicht ganz wohl ist, weil es sie emotional zu sehr fordert und sie ihre Rüstung Madox gegenüber ablegen muss, geschieht nichts, dass sie später oder während des Sex bereut. Für sie war das alles okay, da sie schon seit langem eine selbstzerstörerische Ader hat. Die Autorin hat Saphira dabei sehr gut beschrieben, denn sie kann bei Madox für eine Weile ihre Rolle als capo ablegen und entspannen. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber mit Madox kann sie Frust und Schmerz abbauen, hat ein Ventil für all die Gefühle, die sie den ganzen Tag über verstecken und herunterschlucken muss. Und Madox bleibt nicht für immer der gefühlskalte dominante Kerl. Als er Saphira besser kennen lernt und einen sehr persönlichen Moment beobachtet, beginnt er zu verstehen, was hinter ihrer Maske alles vorgeht und passt sein Verhalten an. Von einer Liebesgeschichte würde ich deswegen aber noch nicht reden, es fühlte sich eher wie eine Therapie an. Und ein bisschen auch wie eine Sucht, da sie natürlich nicht mehr die Finger voneinander lassen konnten.

Eine Triggerwarnung ist trotzdem angebracht: Von Würgen bis Blut über Fesselspielchen ist alles dabei.

Die vorherrschende Handlung setzt sich aus Intrigen, Erinnerungen und Spionage zusammen. An sich eine gute Mischung, aber für mich eben nichts Neues. Da konnte mich die Handlung nicht fesseln, ich hatte die Szenarien schon in x-beliebigen Filmen und Serien in x-beliebigen Auslegungen gesehen. Was mich am Lesen gehalten hat, war der Drang das Buch zu beenden.

Nun der Grund, warum es für mich nur ein 3 Sterne-Buch werden konnte: Die starke Rolle von Saphira nimmt zum Ende hin stark ab, was zum Teil verständlich, zu einem anderen und viel größeren Teil allerdings ärgerlich ist. Gerade in der letzten und sehr starken Szene rutscht Saphira in das typische Klischee der verliebten Frau ab, die vom Spion in den eigenen Reihen total überrascht wird und alle Vorsicht in den Wind schlägt. Da hatte sie schon eine absolut perfekte Möglichkeit für ihre Rache und lässt sich dann auf die vorhersehbarste Weise ablenken. Das Ende war somit für mich leider überhaupt nicht mehr schön oder spannend. Ich war sehr sauer, dass diese vielversprechende Rolle so heruntergestuft wurde und werde – trotz des Cliff-Hangers – nicht weiterlesen.

Ich denke, dass ich mit einer falschen Erwartungshaltung an das Buch herangegangen bin. Ich kann und will nicht von jedem Autor eine kritische Handhabung von Geschlechterrollen und Stereotypen erwarten, denn immerhin ist es immer noch Fiktion und vorherrschend eine Liebesgeschichte. Dass einige AutorInnen, die ich sehr gerne lese, das durchaus meistens umsetzen, hat mich wohl ziemlich verwöhnt.

Wenn man diesen Aspekt mal außer Acht lässt, ist es eine interessante und gut ausgearbeitete Liebesgeschichte, die in einem recht spannenden Setting spielt und die moralischen Konflikte wurden gut gelöst. Trotzdem wird es mein einziges Buch in den Genre und von der Autorin bleiben, da das einfach nicht die Art von Buch ist, von der ich viel mitnehme und über die ich noch lange nachdenken und reflektieren kann oder will.


Autor: Vanessa Sangue • Titel: Cold Princess (Cosa Nostra #1) • Verlag: LYX • Seiten: 342 • Format: Taschenbuch mit Klappenbroschur, eBook • Preis: 12,90€ (TB); 9,99€ (ePub) • Erscheinungstermin: 29. März 2018 • Neugierig?

 Vielen Dank an den LYX-Verlag und die Lesejury für dieses Rezensionsexemplar.

One thought on “[Rezension] Cold Princess”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: