Ein kleiner Disclaimer: Ich habe für meine zweite Hausarbeit die Bücher Someone New (Laura Kneidl) und Außer sich (Sasha Marianna Salzmann) auf ihre Repräsentation von Transgender untersucht. Falls ihr eins oder keines der beiden Bücher gelesen habt, würde ich es empfehlen, kurz nachzuschauen, worum es geht, damit ich euch mit diesem Beitrag nicht verwirre. Denn auch noch eine Zusammenfassung des Inhalts zu schreiben, würde den Rahmen dieses Beitrags überspannen und ihr – und ich auch beim schreiben – würdet noch in zwei Tagen hier sitzen. Ich werde auch nicht meine Hausarbeit nacherzählen, das dauert erstens viel zu lange und zweitens bin ich nicht selbstsicher genug, um meine akademische Leistung ins Internet zu stellen.

Vorspiel

Eigentlich hatte ich diesen Beitrag ein bisschen anders geplant. Ich wollte eine Art Tagebuch zu meiner Hausarbeit führen, wo Überlegungen, die so nicht in die Arbeit aufgenommen werden konnten und Fortschritte festgehalten werden sollen. Da ich aber auch bei dieser Hausarbeit keineswegs so ordentlich gearbeitet habe, wie ich mir das vorstellte, habe ich ein oder zwei richtige Updates und sonst Nichts.

Ich habe im Wintersemester 2018/2019 ein Seminar zu Queer Studies besucht, dass einen ganz groben Einstieg in das Gebiet geben sollte, da Queer Studies an meiner Uni noch nicht etabliert sind. (Es stellte sich zumindest bei den Seminarteilnehmer*innen heraus, dass das Interesse dafür aber definitiv da ist. Hoffentlich lernt meine Uni etwas daraus und bietet mehr dazu an.) Um Punkte für das Seminar zu bekommen, musste ich eine Hausarbeit schreiben, circa 12 bis 15 Seiten. Ich hätte bereits besprochene Literatur oder Filme analysieren oder vergleichen können oder etwas Neues untersuchen. Anfang Januar explodierte Instagram bereits mit Bewertungen zu Someone New, was nach einiger Zeit nervig wurde, da niemand sagen durfte, worum es in dem Buch genau geht. Nur dass es SO WICHTIG und AUTHENTISCH wäre. Kurz vor der Erscheinung des Buches war ich dann mehr als genervt und hatte keine Lust dem Hype zu folgen. (Ich entwickle leider öfter eine Antipathie gegen Hype/Menschen/Erwartungen.) Hätte mich Katharina aka @traumrealistin nicht zu dem Buch gespoilert, hätte ich es wohl nie gelesen.

ABER Dank der Spoiler war mein Interesse geweckt und ich fand das Buch super passend für meine Hausarbeit. Denn *Spoiler* es geht in dem Buch auch um eine queere Person. – Es sollte nun klar sein, dass man diesen Beitrag nur lesen sollte, wenn man das Buch schon kennt. – Ich wollte gerne die Autorin unterstützen und malte mir aus, in meiner Hausarbeit zu beweisen, dass auch belächelte Genre der Belletristik relevant und authentisch sein können.

Das hier könnte ein etwas längerer Beitrag werden, also holt euch am besten etwas zu trinken und zu knabbern. Und ein Sitzkissen.

Hauptteil

Seit ich Germanistik studiere, warte ich auf den Moment, wo ich Bücher besprechen und analysieren kann, die ich auch privat lesen wollen würde. Bisher hatte ich, was das angeht, nur bei einem Seminar zu schottischer Literatur Glück (Ich durfte Outlander lesen *-*), aber Dank einiger Zufälle bekam ich Wind von der Thematik von Someone New und das passte wie die Faust aufs Auge meines Seminars. Ich habe mich natürlich zu allem in diesem Buch spoilern lassen, weil ich meinen Dozenten das Buch vorstellen musste, bevor ich es kaufen konnte. Witzigerweise hat mein Dozent das Buch darauf hin auch gelesen und bei der ersten Sprechstunde waren wir beide eher mäßig begeistert.

Das wohl größte Problem in Someone New (im Folgenden mit SN abgekürzt) ist, dass die Repräsentation von Transgender eher ungenügend und oberflächlich erscheint. Mein Dozent und ich waren uns einig, dass das Nachwort von Thorben Rump am informativsten war, allerdings für die Hausarbeit völlig nebensächlich. Ich kann als Unbetroffene queere Repräsentation natürlich nur sehr schlecht bewerten, aber allein die Tatsache, dass erst nach rund 450 Seiten von 500 davon gesprochen wird, zeigt, mit welcher Gewichtung das Thema behandelt wurde. Das führte auch zum größten Problem bei meiner Hausarbeit: dem fehlenden Stoff. Es gab einfach nicht genug Material, um eine Hausarbeit zur Repräsentation daraus zu schreiben ohne in Spekulationen abzurutschen, besonders da die erzählende Figur Micah und nicht Julian ist. Micah erlebt nur einmal eine Konfrontation mit, bei der Julian transfeindlich behandelt wird und sonst liest man als Leser nur sehr wenig über Julians Weg. Aufgrund der wenigen Fakten entschieden mein Dozent und ich, noch ein weiteres Buch in die Hausarbeit einzubeziehen, nämlich Außer sich von Sasha Marianna Salzmann, dass einige Parallelen zu Someone New aufweist. In Außer sich (Im Folgenden mit AS abgekürzt.) geht es ebenfalls um ein Zwillingspaar, wo der weibliche Zwilling ebenfalls den männlichen sucht, allerdings begleiten wir Erzähler Ali bei seiner Transistion. Mein Aufgabe war es eine Gegenüberstellung der beiden Romane zum Thema Transgender zu schreiben und das habe ich letztendlich getan. Dabei habe ich mich auf die Punkte der Darstellung von Gender allgemein und Transgender im Gegensatz dazu konzentriert, und auch wie es durch Sprache, Figuren und Erzähler*in reflektiert wurde. (Ich habe noch keine Note für die Hausarbeit erhalten, weil ich sie erst Ende März abgegeben habe und habe keine Ahnung, ob das, was ich da geschrieben habe gut oder schlecht ist. Ich hätte jetzt definitiv einige Ideen, was ich noch ändern könnte, aber diese Gedanken soll man eigentlich eher meiden.)

Wenn ich SN durchgehe, dann merke ich vor allem, dass Micah Julian immer sehr körperlich wahrnimmt: Sein Kleidungsstil – dunkel und langärmlig-, sein Körperbau – überraschend kurz, aber drahtig-, seine Narbe. Micah hat mir als Protagonistin gar nicht gefallen, man merkt ihr ihr privilegiertes Leben an (Sie akzeptiert kein „Nein“ von Julian, dringt – für meinen Geschmack- zu sehr in seine Intimsphäre ein, beobachtet ihn beinahe zu sehr und denkt nicht über Konsequenzen ihres Handelns nach.), und obwohl sie oft und viel über ihn nachdenkt, denkt sie nicht richtig nach. Micah macht alles eher oberflächlich und genauso betrachtet sie auch die Welt. Diese Oberfächlichkeit machte es schwer, Anhaltspunkte zu sammeln und Julian verhält sich bis zum Ende des Buches sehr wachsam. Wenn er Micah einmal etwas persönliches erzählt, dann ist das sehr stereotypisch. Aus Julians Erzählungen geht ein sehr rosa-blauer Charakter hervor: Julian wurde als Sophia geboren, einem hübschen Mädchen, dass toll Haare flechten kann, einen rosa Teddybären hatte und wusste, wie man Dessous wäscht. Und irgendwie wurde aus Sophia Julian, der Micah handwerklich hilft, oft dunkle Kleidung trägt, wortkrag ist und ein tolle Kinnlinie hat. Seine Begründung: „Ich wusste schon immer, dass ich ein heterosexueller Mann war.“ (S. 484). Diese Wandlung las sich sehr stereotypisch, von einem Extrem in das Andere, was völlig okay ist, aber eben für Unbetroffene schwer nachvollziehbar. Ich kann verstehen wenn es queeren Menschen widerstrebt sich mental und körperlich sezieren zu lassen, das ist einfach wahnsinnig privat und wird bei heterosexuellen Menschen ja auch nicht gemacht. Allerdings wurde durch diesen akzeptierenden und respektvollen Ansatz die Repräsentation für mich eingeschränkt. Ich verstand Julian nicht und konnte so weder seine Handlungen noch seine Worte wirklich verstehen und in Einklang bringen mit dem, was passiert war und was ich wusste. Ich sitze ein bisschen fest, wie ihr vielleicht gemerkt habt: Ich will begreiflich machen, warum die Repräsentation für einen cis-Mensch mangelhaft war, gleichzeitig aber auch nicht die Repräsentation für einen trans-Menschen kaputt reden. (Ich habe nicht ansatzweise genug Rezensionen zu Someone New gefunden und weiß nicht, ob sich eine queere oder sogar trans-Person zu dem Buch geäußert hat, aber falls ihr wen kennt, wäre ein Link nett.)

Gerade zum Ende meiner Hausarbeit wurde es für mich immer schwerer zwischen dem tatsächlichen Transgender-sein und seiner Repräsentation zu unterscheiden, da die Repräsentation in SN über Micah läuft, weil sie die Erzählerin ist und sie eigentlich die ganze Zeit falsch liegt, was Julian angeht. (Meine Wahrnehmung wurde von AS zusehends durcheinander gebracht, weil Protagonistin Ali nicht ab einem bestimmten Punkt wirklich trans ist, sondern es ein langsamer Prozess bei ihm war, der sehr früh schon in seinem Kopf eingesetzt hat und somit seine Gedanken schwer einzuordnen waren. Es war ein einziges Kuddelmuddel, was nicht schlimm ist, aber für meine Untersuchung ein bisschen hinderlich.) Da Micah erzählt und dabei so ahnungslos ist, ist die Repräsentation, die ja immer noch durch ihre Ich-Perspektive verfälscht wird, fehlerhaft. Die Repräsentation mag dabei menschlicher sein, zeigt aber auch, dass Micah selbst niemals an einen queeren Hintergrund bei Julian gedacht hat, sie hat ihn genauso heterosexuelle betrachtet, wie sich selbst. Eigentlich liest man über Micah und wie sie sich entwickelt. Julian drängt sich durch die Enthüllung über sein trans-sein in den Gedankenvordergrund der Leser – weil NEU und ANDERS für den deutschen Buchmarkt – und Micah ist plötzlich nur noch ein Werkzeug der Darstellung.

Jetzt, wo meine Hausarbeit bei meinem Dozenten liegt und ich lange Zeit viel über das Buch nachgedacht habe, frage ich mich, ob wir alle – wie in: Die Buchcommunity – Someone New vielleicht falsch betrachtet haben. Meine Hausarbeit beweist, dass die Repräsentation von Transgender klein ist, sehr knapp – wenn auch nicht falsch – und eher pragmatisch. Als das offensichtliche Thema ist Julians Transgender-sein die Tatsache, auf die sich die meisten Rezensionen beziehen, wobei oft genug kritisiert wurde, dass seine Identität als Plotdevice benutzt wurde, was niemals – bei keinem Gender oder sexuellen Orientierung – vorkommen sollte, aber oft genug passiert. (Allerdings möchte ich darauf Hinweisen, dass der Klappentext den Grundstein für diese Annahme legt und Julians Identität für Micah selber nie ein großer Konfliktpunkt war.)

Dürfte ich eine einzige Frage an Laura Kneidl stellen, dann würde ich gerne wissen, was ihre Absicht mit diesem Buch war. Transgender in ein populäres Genre in der deutschen Buchwelt integrieren – was ihr gelungen ist, aber eben viele Kontroversen beinhaltet – oder den weißen, privilegierten cis-Leser*innen zeigen, dass Identität mehr als Gender und sexuelle Orientierung ist?

Ein Schluss? Ein Nachspiel.

Um zurück zu meinem Anfangspunkt zu kommen: Meine Untersuchung von Someone New und Gegenüberstellung zu Außer sich hat in der Tat bestätigt, was bereits viele vor mir gesagt haben und was leider ein Vorurteil (berechtigt/unberechtigt?) gegen das Genre und die Zielgruppe ist: Liebesromane für junge Erwachsene beherbergen nicht die beste Repräsentation. Die Darstellung von Transgender ist in Someone New sehr kurz gekommen, im Gegensatz dazu steht das komplexe und verwirrende Gedankengeflecht von Ali aus Außer sich, das eine wesentlich bessere Darstellung für die Entwicklung hin zum Transgender bietet. (Und in Buchhandlungen nicht im Erotik-Regal steht.) Aber wie so oft ist die Perspektive, mit der wir ein Thema betrachten entscheidend. Someone New ist kein schlechtes Buch, wenn es mir auch aufgrund vieler Dinge, weniger gefallen hat. Als ich mein Fazit in der Hausarbeit schrieb, dachte ich kurz daran, zu fragen, ob Someone New nicht fälschlicherweise auf ein Thema hin betrachtet wurde, dem es nie gerecht werden wollte. Ich will es nicht schön reden, dazu gibt es zu viel Belege für seine Unzulänglichkeiten, aber die Frage von der Intension eines Romans oder des Autors beschäftigt mich immer öfter. Meine Chance Laura Kneidl auszufragen, habe ich leider vor lauter Aufregung vertan und jetzt traue ich mich nicht, sie erneut deswegen anzuschreiben. (Ich habe sie in den letzten Jahren bestimmt schon 4 mal in Person getroffen und öfter auf Instagram mit ihr geschrieben, aber meine Nervosität werde ich wohl nie los.)

Die Frage aller Fragen: Was denkt ihr? Ich musste lange mit mir kämpfen, um diesen Beitrag zu schreiben und auch richtig zu schreiben. Ob mir das gelungen ist, werde ich von euren Reaktionen sagen können. Falls es Fragen zu Hausarbeiten im Allgemeinen gibt, stellt sie nur, ich habe gelernt, dass man da nie oft genug nachfragen kann. Und was Someone New angeht und meine Erkenntnisse … Stimmt ihr dem zu? Habt ihr andere Gedanken?

weitere Meinungen:

Marius von @derunbekannteheld

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