{"id":3499,"date":"2019-06-30T21:17:23","date_gmt":"2019-06-30T19:17:23","guid":{"rendered":"https:\/\/buchundgewitter.de\/?p=3499"},"modified":"2019-11-10T09:47:58","modified_gmt":"2019-11-10T08:47:58","slug":"nachtlichter-von-amy-liptrot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buchundgewitter.de\/?p=3499","title":{"rendered":"Nachtlichter\u2502Amy Liptrot"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"525\" src=\"https:\/\/buchundgewitter.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/img_4528-700x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3519\" srcset=\"https:\/\/buchundgewitter.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/img_4528-700x525.jpg 700w, https:\/\/buchundgewitter.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/img_4528-300x225.jpg 300w, https:\/\/buchundgewitter.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/img_4528-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption>*Rezensionsexemplar<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>2018 hat mich <em>Farbenblind<\/em> als autobiographisches Buch sehr beeindruckt und wie es aussieht, wird es dieses Jahr <em>Nachtlichter<\/em> sein. <em>Nachtlichter<\/em> lag schon seit einer Weile auf meinem SuB und bisher hatte ich zu viel Angst vor der Thematik und was sie mit mir machen k\u00f6nnte, um es anzufangen. Warum? Weil es um eine Alkoholikerin und ihren Kampf mit der Abstinenz geht und das ein Thema ist, das in der Gesellschaft immer noch totgeschwiegen wird, allenfalls zu peinlichen Gespr\u00e4chen f\u00fchrt und gleichzeitig so verbreitet ist, dass jeder irgendwo eine emotionale Verflechtung dazu hat. Ich hatte Angst durch das Buch Menschen anders zu betrachten, sie vielleicht zu verurteilen, wenn mir nicht gefallen w\u00fcrde, was ich lese. Meine Angst  blieb zum Gl\u00fcck unbegr\u00fcndet. Dieses Buch hat mir die Augen ge\u00f6ffnet, wof\u00fcr ich wahnsinnig dankbar bin. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" style=\"text-align:center\">Darum gehts <\/h4>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>Die Journalistin Amy Liptrot erz\u00e4hlt in diesem Buch von ihrer Zeit als Alkoholikerin, ihrem Widerstreben trocken zu werden und dem st\u00e4ndigen Kampf gegen die Sucht. Auf den Orkney-Inseln aufgewachsen, kamen sie ihr immer mehr wie ein Gef\u00e4ngnis vor, als der Ort, der ihr helfen k\u00f6nnte und als sie dorthin zur\u00fcck kehrt f\u00fchlt sich ihr Leben verwirkt an. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\" style=\"text-align:center\">Meine Meinung<\/h4>\n\n\n\n<p>Ich habe f\u00fcr dieses Buch viel Zeit gebraucht; \u00fcber einen Monat habe ich immer wieder ein paar Kapitel gelesen, mir Ziele gesetzt, damit ich \u00fcberhaupt Fortschritte machte, weil es so hart war. Amy Liptrot ist Journalistin und f\u00fcr dieses Thema kann sie ein bisschen zu gut schreiben, denn es war deprimierend. Ich konnte nicht mehr als ein paar Seiten zu Beginn lesen, ohne mich verzweifelt in eine Ecke verkriechen zu wollen. Die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, die Depression und Sturheit, die aus den ersten Seiten flossen,  \u00fcberw\u00e4ltigten mich vollkommen. Genau wie f\u00fcr die Autorin, ist dieses Buch auch f\u00fcr mich als Leserin eine wahnsinnig emotionale Reise gewesen. Ich konnte erst wieder weiterlesen, wenn ich mich emotional von dem Buch distanziert hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Buch ist eine Autobiographie, das hei\u00dft, alles hier geschilderte hat die Autorin selbst erlebt, was es authentisch, hart und schwer zu kritisieren macht. Ich habe nun gro\u00dfen Respekt vor dieser Frau, die ihren harten Kampf in die Welt getragen hat und f\u00fcr mich so viele Wahrheiten in Worte fasste, dass ich am liebsten das ganze Buch zitieren w\u00fcrde. Markierte Stellen habe ich daf\u00fcr zumindest genug. <\/p>\n\n\n\n<p>In 28 Kapiteln wird mehr oder weniger chronologisch die Zeit in Worte gefasst, die Amy Liptrot mit der Suchtbek\u00e4mpfung verbringt. Es gibt einen \u00fcberspannenden chronologischen Rahmen, allerdings wird in vielen Kapiteln noch einmal auf vergangene Ereignisse zur\u00fcckgeschaut, die man so in der Chronologie noch nicht erfahren hatte. Das machte es f\u00fcr mich manchmal ein bisschen verwirrend, da in manchen Abs\u00e4tzen erst nach einiger Zeit klar wurde, dass dies bereits einige Monate zur\u00fcck liegt und nicht gerade passiert. Das war besonders schlimm, wenn man denkt, dass die Erz\u00e4hlerin trocken ist und im n\u00e4chsten Satz von einem Barbesuch spricht und man denkt, dass sie r\u00fcckf\u00e4llig geworden ist. Ich habe manchmal gedacht, dass es ein ziemliches Puzzle w\u00e4re, alle beschriebenen Ereignisse an einem Zeitstrahl einzuordnen. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-large is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Trocken zu werden&#8220; ist kein Moment, nach dem alles besser wird, sondern ein andauernder, langsamer Prozess des Wiederaufbaus, mit regelm\u00e4\u00dfigen R\u00fcckschritten, Schwankungen und Versuchungen.<\/p><cite>S. 332<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das Wichtigste, das ich aus diesem Buch mitgenommen habe ist, das man eine Sucht nicht heilen kann. Man kann sie nur wieder und wieder bek\u00e4mpfen. Suchartiges Verhalten gibt es \u00fcberall, scheint mir, denn Liptrot entwickelt einen Wissensdurst, sobald sie nicht mehr Trinken kann, der ihre Alkoholsucht ersetzte. Der Wunsch in einer Sache v\u00f6llig aufzugehen, bleibt. Sie hat lediglich ihre Ausrichtung ge\u00e4ndert. Wann immer sie an ein Glas Wein oder Whiskey dachte, kompensierte sie es mit einem tiefen Abtauchen in die \u00f6kologische Welt der Orkney-Inseln. Ich habe in diesem Buch so viel \u00fcber V\u00f6gel, Schafe, Meeresbewohner, Seefahrt, Errosion &amp; Korrosion und K\u00fcstenleben gelernt, dass ich damit mein Wissen aus Geografie und Biologie aus der Schule in den Schatten stellen kann.  <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-large is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Da ist eine Leere in mir. Ich habe den Alkohol verloren und suche verzweifelt nach etwas, mit dem ich mich wieder f\u00fcllen kann. <\/p><cite>S. 236<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die erste H\u00e4fte des Buches besch\u00e4ftigt sich intensiv mit der Suchtbew\u00e4ltigung, wie Liptrot dazu kam, wie sie sich in einem Porgramm zum trocken-werden angestellt hat, wann und wie sie R\u00fcckf\u00e4lle hatte. Und wie trostlos ihr Leben als Alkoholikerin war. Sie beschreibt ihr Alkoholiker-Dasein aus Kreislauf aus Sch\u00e4men, Trinken und Sch\u00e4men. Unter Alkohol war sie eine andere Frau, ohne f\u00fchlte sie sich nicht wie ein menschenw\u00fcrdiges Wesen. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-large is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Jeder Alkoholexzess ist ein manisch-depressiver Kreislauf im Kleinformat. <\/p><cite>S. 267<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die zweite H\u00e4lfte des Buches lie\u00df sich dann ein bisschen besser lesen, weil der Kreislauf gebrochen wurde und Liptrot aktiv daran arbeitete, sich wieder ein Leben aufzubauen. Ich habe gerne mehr \u00fcber Orkney gelernt, die Landschaftsbeschreibungen war gro\u00dfartig detailliert und befreiend, ich habe mich gef\u00fchlt, als wenn ich ebenfalls entgiftet wurde. Von Tauchtribs in den Buchten von Orkney, \u00fcber Schock-Baden in allen Gew\u00e4ssern in und um Orkneys, zu n\u00e4chtlichen Vogelsuchen und einbetonierten Weihnachtsb\u00e4umen ist die zweite H\u00e4lfte gef\u00fcllt mit Abenteuern.  <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-large is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Das Leben geht weiter, und als ich nach Orkney zur\u00fcckkehre, wei\u00df ich, dass ich mehr tun muss, als einfach nur nicht zu trinken. <\/p><cite>S. 114<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Nebenbei erf\u00e4hrt man auch viel \u00fcber ihre Familie, \u00fcber den manischen Vater, die geschiedenen Eltern, den Bruder, zu dem sie keinen Kontakt mehr hat. Die Freunde, die sie durch die Sucht verloren hatte. Es ist privat und schmerzhaft und die Einsamkeit l\u00e4sst auch mit dem Trocken-sein nicht nach. Mit Anfang Drei\u00dfig findet Liptrot aber pl\u00f6tzlich besser ihren Platz in der Inselgemeinde von Orkney, verbringt einen einsamen Winter auf einer kleineren Insel, lernt die wenigen Einwohner besser kennen. So, wie dieses Buch \u00fcber Sucht erz\u00e4hlt, so erz\u00e4hlt Liptrot auch \u00fcber Gemeinschaft, soziale Kompetenzen und das Suchen nach dem eigenen Platz in der Welt. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"525\" src=\"https:\/\/buchundgewitter.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/img_4464-700x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3511\" srcset=\"https:\/\/buchundgewitter.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/img_4464-700x525.jpg 700w, https:\/\/buchundgewitter.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/img_4464-300x225.jpg 300w, https:\/\/buchundgewitter.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/img_4464-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ich kann gar nicht alles, was mich in diesem Buch bewegt hat in Worte fassen, weil es einfach zu viel w\u00e4re, aber von den Zitaten, den Lektionen und Lebensweisheiten werde ich noch eine lange Zeit zehren und kann das Buch nur einem jedem gewillten Leser ans Herz legen. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-large is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ein Grund, warum Alkohol s\u00fcchtig macht, ist die Tatsache, dass er nicht ganz funktioniert. Es ist schwer, von etwas genug zu bekommen, das nur beinahe funktioniert. <\/p><cite>S. 339<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Es wird so schonungslos berichtet und in Worte gefasst, umschrieben und hinausgeschrien, dass dieses Buch eigentlich kaum Hoffnung geben kann. Aber ich denke, eine falsche Illusion \u00fcber die Sucht zuzulassen, ist noch viel schlimmer. <\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\" style=\"text-align:left\">Nachtlichter<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"has-background has-very-light-gray-background-color\"><em>\u00fcbersetzt von:<\/em> Bettina M\u00fcnch | <em>Verlag<\/em>: btb | <em>Seiten<\/em>: 347 |<em>Format<\/em>: Gebunden mit Schutzumschlag, eBook | <em>Preis<\/em>: 18,00\u20ac (GB); 13,99\u20ac (ePub) | <em>Erscheinungstermin<\/em>: 09. Oktober 2017 <\/p>\n\n\n\n<p><strong>*Vielen Dank an den Verlag und das Bloggerportal von Randomhouse f\u00fcr die Bereitstellung des Rezensionsexemplares. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\">Weitere Rezensionen <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><a href=\"https:\/\/seitenwandler.de\/nachtlichter-von-amy-liptrot-rezension\/\">Seitenwandler<\/a><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><a href=\"https:\/\/zeichenundzeiten.com\/2018\/01\/10\/heilung-amy-liptrot-nachtlichter\/\">Zeichen &amp; Zeiten <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2018 hat mich Farbenblind als autobiographisches Buch sehr beeindruckt und wie es aussieht, wird es dieses Jahr Nachtlichter sein. Nachtlichter lag schon seit einer Weile auf meinem SuB und bisher hatte ich zu viel Angst vor der Thematik und was sie mit mir machen k\u00f6nnte, um es anzufangen. Warum? 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